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Was sind keine Essstörungen?

In den Massenmedien, aber auch in der Fachliteratur geistern noch immer verschiedene angebliche Essstörungen herum:

  • Orthorexia nervosa ("Krankhafte Sucht gesund zu essen")
  • latente Esssucht
  • latente Fettsucht
  • Emetophobie („Angst zu Erbrechen“)
  • Kaufbulimie
  • Sportbulimie usw.

All diese "Begriffe" sind ein manifester Blödsinn!

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) sind

Der gesellschaftliche Schlankheits- und Diätwahn führt beim Körpergewicht zu vielen falschen Vorstellungen. Es ist wissenschaftlich unhaltbar, Übergewicht oder Fettleibigkeit (Adipositas) als Essstörungen zu bezeichnen. Adipositas oder Übergewicht sind keine psychischen oder psychiatrischen Störungen oder Krankheiten, also auch keine Essstörung! Essstörungen sind psychisch bedingte Krankheiten, während beim Gewicht ähnlich wie bei der Körpergröße die Vererbung eine große Rolle spielt, allerdings auch Umweltfaktoren (Überfluss und zu geringe körperliche Bewegung) beteiligt sind. Adipositas stellt aber einen Risikofaktor für die Gesundheit dar. Bei einer Untergruppe der Adipositas (z.B. Störung mit Essanfällen / Binge Eating Disorder) können allerdings psychische Faktoren kausal an der Genese und Aufrechterhaltung der Adipositas mitbeteiligt sein.

Auch Übergewichtige und in noch größerem Ausmaß Adipöse sind vom gesellschaftlichen Schlankheitswahn betroffen und damit stigmatisiert, da sie vom "Ideal", dem Schlankheitswahn, am weitesten entfernt sind. Mangelnde soziale Unterstützung, oft soziale Ächtung, Verspottung und Abwertung, Ausgrenzung usw. können zu psychosozialen Problemen der Betroffenen führen. Dies gilt leider bereits für das Kindes- und Jugendalter (schon in der Volksschule!) und setzt sich dann im Erwachsenenalter fort. Daher hat sich das Netzwerk Essstörungen seit seiner Gründung bemüht, Brücken zur Adipositas-Forschung und -Therapie zu schlagen und trägt das Wort Adipositas auch in seinem Namen.

Beim Gewicht sollte man sich von Irrmeinungen wie Broca-Index, "Idealgewicht" oder "Wohlfühlgewicht" verabschieden! Der Körpermasse-Index (Body Mass Index, BMI = kg/m2) hat sich als Standardmaß für die Beurteilung des Körpergewichtes durchgesetzt.

Gewichtsgruppen für Erwachsene (ab 18 Jahre)
(für Kinder & Jugendliche sind eigene Tabellen erforderlich!)

  BMI (kg/m²)
Untergewicht < 20
Normalgewicht 20 - 25
Übergewicht 25 - 30
Adipositas 30 - 40
Massive Adipositas > 40

Diätverhalten ist kein "unschuldiges" Verhalten (Einstiegsdroge Diät!) und die "Behandlung" dieses quasi normativen Verhaltens muss ernsthaft in Erwägung gezogen werden ("Don´t diet!"). Eine Reduktionsdiät ist ein relativer (oder im Fall der Nulldiät ein absoluter) Hungerzustand, da dem Körper weniger Energie zugeführt wird, als er braucht. Es ist erwiesen, dass Reduktionsdiäten das Entstehen von Fressanfällen begünstigen.

In unserer Gesellschaft wird die äußere Erscheinung (der Schein) immer wichtiger und wird als Ware verkauft: Die Kontrolle des Bildes ist entscheidend für die Kontrolle der öffentlichen Meinung! Das Visuelle dominiert alle anderen Sinne. Pikanterweise wird in einer individualistischen Gesellschaft die Gleichmacherei, die Standardisierung (McDonaldisierung) propagiert. Ein Ideal (fast wie beim Klonen) wird verkauft: ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Figur, eine Nase / Brust usw. Essstörungen und "Schönheits"-Chirurgie sind nur zwei Seiten einer Medaille!

In der Prävention und Gesundheitsförderung ist eine Umorientierung vom am Individuum orientierten "Risiko-Ansatz" zum "Bevölkerungs-Ansatz" (Public-Health-Ansatz) sowohl für Essstörungen als auch für Adipositas notwendig. Da der Durchschnittswert (der Schlankheitswahn bzw. sitzender Lebensstil und hochkonzentrierte Nahrung) die Häufigkeit der Extreme (Essstörungen bzw. Adipositas) bestimmt, sollte - neben "Rettungsoperationen" wie der Behandlung Betroffener - ein radikaler, aber vielleicht effektiverer Ansatz in der Prävention sozioökonomisch, politisch und auf der Ebene der Lebensstile sein (Rathner 1992).