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Was sind Essstörungen?

Essstörungen gelten als die Frauenkrankheit des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Damit haben sie die Hysterie abgelöst, die Frauenkrankheit im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse geführt hat.

Essstörungen ist eigentlich ein falscher Begriff: Nicht das Essen in seiner untrennbaren Einheit von biologischer und sozialer Funktion ist gestört, sondern das Essen wird missbraucht für damit nicht zusammenhängende Fragen. Essstörungen sind psychische Störungen, deren Kern im gestörten Selbstwert(-gefühl), im niedrigen Selbstvertrauen, in Störungen der eigenen Identität liegt. Da Menschen soziale Beziehungen weniger kontrollieren können, wird das einzige "Objekt", das immer zur Verfügung steht, der eigene Körper, das Gewicht, die Figur etc. zum Schlachtfeld!

Essstörungen sind undenkbar ohne die Berücksichtigung sozialer und gesellschaftlicher Faktoren. Sie setzen die Befriedigung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse und damit einen relativen materiellen Überfluss voraus. Daher sind Essstörungen v.a. in den industrialisierten Ländern (Europa, Nordamerika, Australien) in allen Bevölkerungsschichten verbreitet. Weltweit gesehen ist immer noch der Hunger und nicht Essstörungen oder Adipositas das Hauptproblem.

Essstörungen stellen ein zunehmendes Gesundheitsproblem für Mädchen und Frauen dar. In Österreich dürften über 200.000 Frauen im Laufe ihres Lebens an einer Essstörung erkranken. Bezogen auf die österreichische Gesamtbevölkerung leiden an einem beliebigen Stichtag von allen 15-20jährigen Mädchen mindestens 2500 Mädchen an einer Magersucht und über 5000 Mädchen an einer subklinischen Essstörung, d.h. einer leichteren Verlaufsform. Unter 20-30jährigen Frauen finden wir mindestens 6500 Frauen mit Ess-Brechsucht.

Die Hauptursachen für die Häufigkeitszunahme sind v.a. das durch den gesellschaftlichen Schlankheitswahn bedingte Diätverhalten, sowie die Rolle der Frau und widersprüchliche Rollenerwartungen an Frauen. Es werden auch genetische Faktoren vermutet, wurden bisher aber nicht bewiesen: die Genetik ändert sich aber nicht binnen weniger Jahrzehnte! Essstörungen sind wahrlich keine Modekrankheit: Magersucht hat langfristig eine der höchsten Sterblichkeitssraten aller psychiatrischen Störungen (15-20% nach 20 Jahren).

Beim Thema Essstörungen ist in den Massenmedien eine eigentümliche Mischung von Glamourisierung und Stigmatisierung zu beobachten. Einerseits werden Essstörungen glamourisiert und befriedigen ein Sensationsbedürfnis. Andererseits werden Essstörungen stigmatisiert wie andere psychische, aber auch körperliche Krankheiten. Bei psychischen Störungen kommt hinzu, dass das Vorurteil "Selbst schuld!" noch stärker einsetzt.

Das Kontinuum von Essstörungen in der Bevölkerung

Auch bei Essstörungen gibt es keine chinesische Mauer zwischen gesund und krank. In der Bevölkerung gibt ein Kontinuum von normalem Essverhalten hin zu gestörtem Essverhalten und Essstörungen.

1. Normales Essen
2. Gezügeltes Essen / Gezügeltes Essverhalten ("Diät")
3. Teilsyndrom Essstörungen (nicht-näher-bezeichnete Essstörungen)
4. Essstörungen (Anorexia & Bulimia nervosa)

Die Definition von "normal" ist oft am schwierigsten. NORMALES ESSEN bzw. Essverhalten bedeutet das zu essen, was man essen will. Dies schließt erworbene Traditionen, persönliche Vorlieben und soziale Regeln mit ein. "GEZÜGELTES ESSEN (restraint eating)" bedeutet (kognitiv (gedanklich) und affektiv (gefühlsmäßig)) gezügeltes Essverhalten und kann synonym mit "Diät" verwendet werden. Diät meint, nicht das zu essen, was man essen will, aus welchen Gründen immer. Diese Gründe können eine akute oder chronische Krankheit (z.B. Diabetes) sein, aber auch Fixierung auf angebliches Übergewicht oder kosmetische Gründe. Glücklicherweise werden die meisten figur- oder gewichtsbedingten Diäten nur ein paar Tage oder ein paar Wochen durchgehalten.

Essstörungs-ExpertInnen empfehlen die Diagnosekriterien des "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen" der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung:
Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und nicht näher bezeichnete Essstörungen, darunter die Störung mit Essanfällen (binge eating disorder) - [vgl. pdf-file]

Männer und Essstörungen

Essstörungen sind keineswegs ein Problem, das nur Mädchen und Frauen betrifft; allerdings ist die oft berichtete Häufigkeitszunahme bei Männern wissenschaftlich nicht belegt. Behandlungszentren für Essstörungen berichten, dass höchstens einer von 10 - 30 Betroffenen, die zu einer Behandlung kommen, männlich ist. Besonders bei Männern, die Schlank-Sein, Gewicht, Äußeres oder ihre körperliche Erscheinung besonders betonen wollen oder berufsbedingt betonen müssen, wie z.B. Models, Tänzer, Ringer, Langstreckenläufer, Skispringer, Hochleistungssportler usw. kommen Essstörungen häufiger vor. Das Leben in einer Subkultur, die Schlankheit, Gewicht, die körperliche Erscheinung und das Aussehen betont, kann auch bei Männern das Auftreten einer Essstörung fördern.

In Hinblick auf die Krankheit und ihre Anzeichen ähneln essgestörte Männer den essgestörten Mädchen und Frauen sehr stark. Ähnlich ist auch die Schwierigkeit, Hilfe anderer zu suchen und anzunehmen. Männer leiden aber zusätzlich unter dem Stigma, dass sie eine sogenannte "typische Frauenkrankheit" haben.

TherapeutInnen, die essgestörte Männer behandeln, sollten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu essgestörten Frauen kennen. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass sowohl Männer wie Frauen von einer Behandlung profitieren, die alle Seiten eines Menschen, der an einer Essstörung leidet, berücksichtigt.