|

Der gesellschaftliche Schlankheits- und Diätwahn führt
beim Körpergewicht zu vielen falschen Vorstellungen. Es
ist wissenschaftlich unhaltbar, Übergewicht oder Fettleibigkeit
(Adipositas) als Essstörungen zu bezeichnen. Adipositas oder
Übergewicht sind keine psychischen oder psychiatrischen Störungen
oder Krankheiten, also auch keine Essstörung! Essstörungen
sind psychisch bedingte Krankheiten, während beim Gewicht ähnlich
wie bei der Körpergröße die Vererbung eine große
Rolle spielt, allerdings auch Umweltfaktoren (Überfluss
und zu geringe körperliche Bewegung) beteiligt sind. Adipositas
stellt aber einen Risikofaktor für die Gesundheit dar. Bei
einer Untergruppe der Adipositas (z.B.
Störung mit Essanfällen / Binge Eating Disorder) können
allerdings psychische Faktoren kausal an der Genese und Aufrechterhaltung
der Adipositas mitbeteiligt sein.
Auch Übergewichtige und in noch größerem
Ausmaß Adipöse sind vom gesellschaftlichen Schlankheitswahn
betroffen und damit stigmatisiert, da sie vom "Ideal",
dem Schlankheitswahn, am weitesten entfernt sind. Mangelnde
soziale Unterstützung, oft soziale Ächtung, Verspottung
und Abwertung, Ausgrenzung usw. können zu psychosozialen Problemen
der Betroffenen führen. Dies gilt leider bereits für das
Kindes- und Jugendalter (schon in der Volksschule!) und setzt sich
dann im Erwachsenenalter fort. Daher hat sich das Netzwerk Essstörungen
seit seiner Gründung bemüht, Brücken zur Adipositas-Forschung
und -Therapie zu schlagen und trägt das Wort Adipositas auch
in seinem Namen.
Beim Gewicht sollte man sich von Irrmeinungen wie Broca-Index,
"Idealgewicht" oder
"Wohlfühlgewicht" verabschieden! Der Körpermasse-Index
(Body Mass Index, BMI = kg/m2) hat sich als Standardmaß
für die Beurteilung des Körpergewichtes durchgesetzt.
Gewichtsgruppen für Erwachsene (ab 18 Jahre)
(für Kinder & Jugendliche sind eigene Tabellen erforderlich!)
| |
BMI (kg/m²) |
| Untergewicht |
< 20 |
| Normalgewicht |
20 - 25 |
| Übergewicht |
25 - 30 |
| Adipositas |
30 - 40 |
| Massive Adipositas |
> 40 |
|
Diätverhalten ist kein "unschuldiges" Verhalten
(Einstiegsdroge Diät!) und die "Behandlung" dieses
quasi normativen Verhaltens muss ernsthaft in Erwägung gezogen
werden ("Don´t diet!"). Eine Reduktionsdiät
ist ein relativer (oder im Fall der Nulldiät ein absoluter)
Hungerzustand, da dem Körper weniger Energie zugeführt
wird, als er braucht. Es ist erwiesen, dass Reduktionsdiäten
das Entstehen von Fressanfällen begünstigen.
In unserer Gesellschaft wird die äußere Erscheinung
(der Schein) immer wichtiger und wird als Ware verkauft: Die
Kontrolle des Bildes ist entscheidend für die Kontrolle der
öffentlichen Meinung! Das Visuelle dominiert alle anderen
Sinne. Pikanterweise wird in einer individualistischen Gesellschaft
die Gleichmacherei, die Standardisierung (McDonaldisierung) propagiert.
Ein Ideal (fast wie beim Klonen) wird
verkauft: ein bestimmtes Gewicht,
eine bestimmte Figur, eine
Nase / Brust usw. Essstörungen und "Schönheits"-Chirurgie
sind nur zwei Seiten einer Medaille!
In der Prävention und Gesundheitsförderung
ist eine Umorientierung vom am Individuum orientierten "Risiko-Ansatz"
zum "Bevölkerungs-Ansatz" (Public-Health-Ansatz)
sowohl für Essstörungen als auch für Adipositas notwendig.
Da der Durchschnittswert (der Schlankheitswahn bzw. sitzender Lebensstil
und hochkonzentrierte Nahrung) die Häufigkeit der Extreme (Essstörungen
bzw. Adipositas) bestimmt, sollte - neben "Rettungsoperationen"
wie der Behandlung Betroffener - ein radikaler, aber vielleicht
effektiverer Ansatz in der Prävention sozioökonomisch,
politisch und auf der Ebene der Lebensstile sein (Rathner 1992).
|